Dienstag, 1. September 2009

Italien im Supermarkt

Hi Leute,

in meiner Serie über fremde Kulturen muss ich Euch mein Erlebnis gestern im Supermarkt erläutern, spezifischerweise an der Kasse. Scheinbar lassen sich fremde Kulturen an der Supermarktkasse am besten studieren.

Wer in Deutschland einkaufen geht kennt den Drill. Sachen aufs Laufband und nach dem scannen der Ware aber schnell wieder runter. Die Kassiererinnen sind üblicherweise vom Type „Kugelstoßerin“ und man hat doch ziemliche Angst, die Ware nicht rechtzeitig vom Band zu nehmen. Ich hab schon Leute gesehen, die wurden beim Aldi in den Schwitzkasten genommen und durften erst nach starkem Protest wieder aus der Kühltruhe raus. Ihr kennt ja die Tricks – immer schön das Gemüse (das muss ja abgewogen werden) locker verteilen, damit man einen leichten Vorsprung vor der Kassiererin behält.

In Italien geht das anders. Während in Deutschland in einem vollen Laden maximal 2 Kassen besetzt sind haben in Italien mindesten 8 Kassen auf. Wer das jetzt für effizient hält sei gewarnt. Während in Deutschland an 2 Kassen maximal 3 Sekunden Wartezeit herrscht sollte man in Italien immer eine Flasche Wasser im Einkaufswagen haben, damit man nicht verdurstet. Eine Bedienungszeit von 30 Minuten – pro Person – ist durchaus üblich und der Grund auch übrigens schnell gefunden. Ganz Italien ist eine große Familie und beim Einkaufen – wie eigentlich überall – wird lautstark geredet, diskutiert und beraten. Das hört sich für einen wie mich dann immer so an: „ Ciao Marco – come de Bambini – ah, pronto – fantatico, molto bene, usw.“ In Italien ist übrigens nie einer schlecht gelaunt. Bei uns ist das ja immer etwas anders: „Wie geht es – Na muss ja – Ja, mir geht’s auch nicht so gut – Ja, es geht abwärts“. In Italien freut sich jeder, dass er den Bruder vom Schwager des Lottogewinners im Nachbardorf kennt. Zurück zur Kasse: Beliebte Diskussionsthemen sind natürlich die Waren auf dem Laufband. Ich habe manchmal das Gefühl, dass  Leute die Waren nicht kaufen, weil sie diese brauchen, sondern weil sie so gerne drüber reden. So hatte die Frau gestern vor mir an der Kasse (diese ist der Auslöser dieser Geschichte) nur eine Packung Always Ultra gekauft. Der Bezahlvorgang dauerte 33 Minuten, weil sich eine umfangreiche Diskussion zur Lösung von Menstruationsbeschwerden entwickelt hatte, wenn ich das richtig mitbekommen hatte. Beim Kauf von Milchtüten wird man auf jeden Fall in die Diskussion um die EU Agrarpolitik verstrickt (was üblicherweise mit dem Beschimpfen der Franzosen endet), beim Kauf einer einfachen Tüte Mehl bekommt man schon mal die besten Kuchenrezepte der Oma.

Um ehrlich zu sein, ich hab mich an das lange Anstehen gewöhnt. Demnächst werd ich beim LIDL mal anfangen und beim Kauf der Pizza mal gemütlich über Italien diskutieren. Ich meld mich dann wieder, wenn ich aus dem Krankenhaus raus bin…..

Ciao

Montag, 1. Juni 2009

Streik in Italien

Hi Leute, wenn Ihr was über die verschiedenen Kulturen Europas erfahren möchtet, dann müsst Ihr einfach eine Stadt besuchen, in der die U-Bahn streikt.

Nachdem ich vor 2 Jahren in Deutschland den Bahnstreik erlebt habe, letztes Jahr in Frankreich mehrere (logisch) Metrostreiks war gestern die Mailänder U-Bahn dran. Klar, in Deutschland ist selbst ein Streik perfekt organisiert, es gibt bereits 3 Monate vorher Informationen, externe Beraterfirmen erstellen Notfahrpläne, die im Internet oder auf dem Bahnhofsklo abzurufen sind. Es gibt mehrere Hotlines mit 0800-Nummern, in den Tageszeitungen ist es grundsätzlich Thema Nummer eins und die Fahrpläne erscheinen ganzseitig in der Bild-Zeitung. Es gibt Busersatzdienste und zur Not kann man mit Bundeswehrpanzern oder Polizeiwagen mitfahren. Wer meint, so ein Streik in Deutschland wäre schlimm, der irrt, denn irgendwie funktioniert es zu Streikzeiten fast besser als normal.

Wir Deutschen können halt perfekt organisieren, und selbst wenn es das Chaos ist. Natürlich meckern wir dann immer noch, aber kommt mal nach Mailand. Die Italiener sind zwar nett, das Essen ist gut, aber organisieren können sie seit dem Zerfall des römischen Reichs überhaupt nix. Das schlägt sogar die Franzosen. In Frankreich gibt es zumindest Informationen an den Anzeigetafeln und es gibt Durchsagen. Auch bei einem Streik fahren manchmal Bahnen von Streikbrechern, man weiß zwar nie wann, aber mehr als eine Stunde Verspätung muss man eigentlich nicht fürchten. Was man in Frankreich fürchten muss ist eher die Menschenmenge und wenn das Waffengesetz in Frankreich nicht so streng wäre, wäre die Zahl der Todesopfer höher als die Selbstmordrate in Grönland.

In Mailand läuft das alles anders. So ein Streik wird kurzfristig und ungeplant durchgeführt. Streik – basta. Dann steht man vor geschlossenen Türen vor der U-Bahn und glotzt verwirrt auf die Gitter. Keiner weiß was, selbst Italiener nicht, aber die verstehen einen eh nicht, weil keine Sau eine lebende Sprache spricht. Die am Hauptbahnhof patrouillierende Polizei sagt gar nix – non capito. Die Anzeigetafeln bleiben schwarz – basta.

Nun ist so eine geschlossene U-Bahn ja für den geübten business-traveller keine große Geschichte, schließlich muss man für ein Taxi nicht sein persönliches Erspartes opfern. Bis man dann merkt, dass auf diese Idee schon mehrere tausend andere Leute gekommen sind. Die Schlange am Taxistand geht mehrfach um den Bahnhof und alle 10 min kommt ein Taxi. nach meinen ersten Berechnungen bin ich in März 2013 an der Reihe. Gottseidank erweisen sich die Italiener als geübte und disziplinierte Schlangesteher – wer hätte das gedacht. In Frankreich wäre es zu heftigen Prügeleien gekommen und jeder Drängler würde sofort an der Bahnhofsuhr aufgeknüpft werden – ja selbst in Deutschland kommt man da ohne blaues Auge nicht raus – wenn man denn ein Taxi abbekommen will (der Deutsche nennt das ja schmeichelhaft „aktives Anstehen“).

In Italien stehen aber alle in einer Reihe, brav und ordentlich. Nur einmal versucht einer (wahrscheinlich Ausländer) ganz nach vorne zu sprinten und trappt dann nach wenigen Minuten ans Ende der Schlange. Was sich da vorne abgespielt hat, habe ich nicht mitbekommen, wahrscheinlich reichte die Anmerkung mit dem Pferdekopf.
Nun, auf jeden Fall saß ich 2 Std später in einem Taxi, nur um zu merken, warum die U-Bahn überhaupt erfunden wurde. Keine Stadt der Welt kommt ohne Mass-transit System aus, das weiß man nicht erst seit Civilisation, da die Fläche aller Autos in der Stadt üblicherweise die Fläche aller Straßen übersteigt. Und damit wird eine Stadt zu einem großen Parkplatz. In Italien ist das sogar noch ganz lustig, wenn man versucht einen Takt in der Huperei zu finden. Das ist besonders lustig, wenn man an der Mailänder Oper vorbei fährt. In der ganzen Stadt übrigens ähnliche Szenen, Leute liegen weinend am Straßenrand und suchen ein Taxi, winken, werfen sich vor uns. Ich mache dem Taxifahrer klar, ohne Rücksicht weiter zu fahren, er bekommt auch ein Trinkgeld.

So war ich dann spät im Hotel und geschlafen habe ich schlecht. Reisen bildet. Ich vergaß noch zu erwähnen, dass italienische Taxis nur Bargeld nehmen aber so was löst man ja heute an jedem ATM, allerdings musste ich das Taxi vorher anketten, weil andere Fahrgäste sonst einfach das ganze Taxi gekauft hätten.

Witzigerweise wird so ein Streik in Italien totgeschwiegen. Erst unter Androhung matschiger Pasta erfährt man am nächsten Tag in der Firma, dass es ein Streik gegeben hat und nicht etwa einen terroristischen Anschlag. In der Presse findet man dann einen keinen Eintrag unter „aus aller Welt“ und reden möchte auch keiner drüber. Ich hab mich gefragt, was denn dann so ein Streik bewirken soll. Offensichtlich ist so etwas peinlich. Komische Sache. Beim nächsten Streik in Deutschland möchte ich alle bitten, diese Geschichte wieder hervor zu kramen und sich über die herrlichen Zustände deutscher Streiks zu freuen.